Dersim 1937 – 1938

Dersim 1937 – 1938

Tertele – die Ereignisse von Dersim 1937–1938

Die Ereignisse von 1937 und 1938 markieren einen der tiefsten Einschnitte in der Geschichte Dersims. In der Region werden sie häufig als „Tertele“ bezeichnet. Der Begriff beschreibt dabei nicht nur ein Massaker im engeren Sinne, sondern eine umfassende Zerstörung von Leben, Gemeinschaft, Familien, Sprache, Glaubenspraxis, Orten und sozialer Ordnung.

Viele Überlebende schwiegen jahrzehntelang aus Angst, Schmerz und Trauma. Erinnerungen wurden vor allem in Familien, Klageliedern, mündlichen Erzählungen und geschützten Räumen weitergegeben. Zeitzeugenberichte, Aussagen sowie Dokumente aus Archiven bestätigen die systematische Gewalt dieser Zeit. Auch Aussagen beteiligter Akteure verweisen darauf, dass Giftgas eingesetzt wurde. Bis heute prägen diese Erfahrungen das kollektive Gedächtnis in Dersim und in der Diaspora.

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Rechtliche Vorgeschichte &politische Entwicklung

Die Ereignisse von 1937–1938 stehen in einer längeren rechtlichen und politischen Entwicklung, die vom Osmanischen Reich über die Zeit von İttihat ve Terakki (Komitee für Einheit und Fortschritt) bis in die frühe Republik Türkei reicht.
Bereits in dieser Zeit entwickelte sich eine Politik, die auf Homogenisierung, Kontrolle und demografische Neuordnung zielte. Diese Linie setzte sich in der Republik fort.

Wichtige Stationen waren:

1915

Gesetz über Deportation und Ansiedlung (Sevk ve İskân / Tehcir Kanunu)

1925

Gesetz zur Aufrechterhaltung der Ordnung (Takrir-i Sükûn Kanunu)

1925

Gesetz über Tekken und Zaviyen (Schließung religiöser Einrichtungen)

1934

Ansiedlungsgesetz (İskân Kanunu)

1935/1936

Tunceli-Gesetz (Sonderverwaltung für Dersim)

Diese Gesetze ermöglichten Kontrolle, Umsiedlung und Eingriffe in soziale und kulturelle Strukturen und bildeten den rechtlichen Rahmen der späteren Ereignisse.

Militärische Vorbereitung &staatliche Planung

Die militärischen Maßnahmen wurden über mehrere Jahre vorbereitet.

Dazu gehörten:

  • systematische Berichte über Bevölkerung, Topografie und soziale Strukturen
  • Ausbau von Infrastruktur (insbesondere Straßenbau)
  • Errichtung militärischer Stationen (Karakols)
  • Sammlung von Waffen in der Region
  • gezielte Identifikation lokaler Führungspersonen

Ein wichtiger Hinweis auf die Vorbereitung ist das Gesetz Nr. 2425 vom 3. Mai 1934, das dem Verteidigungsministerium über einen Zeitraum von acht Jahren rund 49,5 Millionen Lira für militärische Zwecke zur Verfügung stellte. Dieses Gesetz wurde nicht regulär veröffentlicht und blieb lange Zeit unbekannt.

Weitere Maßnahmen:

  • Einführung von Verteidigungssteuern (1934)
  • Ausbau der Luftwaffe (ab 1935)
  • Einrichtung einer Sonderverwaltung (1936)

Konkrete militärische Beschlüsse &Durchführung

Die militärische Operation wurde durch mehrere konkrete Beschlüsse vorbereitet und umgesetzt:

  • 1936–1938: Systematische Entwaffnung der Bevölkerung und Aufbau militärischer Kontrolle durch Karakols
  • 1937: Beginn militärischer Maßnahmen und gezielte Ausschaltung lokaler Führungsstrukturen
  • November 1937: Hinrichtung von Seyit Rıza und weiteren Führungspersonen
  • Frühjahr 1938: Beginn groß angelegter militärischer Operationen in Dersim
  • Juni 1938 – Beschlüsse Nr. 8973 und 8974: Einstufung der Operation als militärischer Einsatz von besonderer Bedeutung („sefer mahiyetinde mühim hareket“)
  • Sommer 1938: Intensivphase der militärischen Operationen, systematische Durchkämmung der Region
  • August 1938 – geheimer Beschluss Nr. 2/9409: Festlegung und Durchführung des militärischen Operationsplans
  • Herbst 1938: Abschluss der militärischen Hauptoperationen

Die Region wurde dabei in militärische Sperr- und Kontrollzonen unterteilt. Große Teile Dersims wurden systematisch durchsucht, besetzt und unter militärische Kontrolle gebracht.

Politische &militärische Akteure

Zentrale politische und militärische Verantwortungsträger waren:

  • Mustafa Kemal Atatürk – Staatspräsident
  • İsmet İnönü – Ministerpräsident
  • Celal Bayar – Ministerpräsident (zeitweise)
  • Şükrü Kaya – Innenminister
  • Fevzi Çakmak – Generalstabschef
  • Abdullah Alpdoğan – Generalinspekteur und Gouverneur

Beteiligte militärische Strukturen:

  • Türkische Armee
  • Gendarmerie
  • Luftwaffe

Im Zusammenhang mit Luftoperationen wird auch Sabiha Gökçen, Pilotin und Adoptivtochter Atatürks, genannt.
Aussagen von İhsan Sabri Çağlayangil verweisen auf den Einsatz von Giftgas.

1937 – Verhaftungen &Hinrichtungen

Am 15. November 1937 wurden zentrale Persönlichkeiten hingerichtet:

  • Seyit Rıza
  • Resik Hüseyin
  • Uşênê Seydi
  • Aliyê Mırzê Sıli
  • Hesen Ağa
  • Fındık Ağa
  • Hesene İvraime Qıji

Diese Hinrichtungen zielten auf die Zerschlagung der sozialen und politischen Führungsstrukturen.
Die Verfahren waren nicht rechtsstaatlich. Die Grabstätten sind bis heute unbekannt.

1938 – Verlauf der militärischen Operation

Die militärischen Operationen begannen im Frühjahr 1938 und erreichten ihren Höhepunkt im Sommer desselben Jahres.
Die Region wurde:

  • in militärische Zonen eingeteilt
  • systematisch durchkämmt
  • von der Außenwelt isoliert

Ziel war die vollständige militärische Kontrolle der Region und die Zerschlagung ihrer sozialen Struktur.

Gewalt gegen die Zivilbevölkerung

Zeitzeugenberichte und Dokumente beschreiben:

  • systematische Tötung unbewaffneter Menschen
  • Zerstörung von Dörfern, Feldern und Wäldern
  • Tötung von Tieren und Vernichtung von Lebensgrundlagen

Weitere Gewaltformen:

  • Anketten, Erschießen und Verbrennen
  • Tötungen mit Bajonetten, Steinen und Holz
  • Verschleppung in abgelegene Orte und Tötung in Schluchten
  • Hinabstoßen von Menschen von Felsen
  • Massenerschießungen
  • Plünderung

Frauen wurden Opfer von sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung. Auch Kinder, Säuglinge und schwangere Frauen wurden getötet. Niemand wurde verschont.

Giftgas und internationale Dimension

  • Zeitzeugenberichte, Aussagen sowie Dokumente aus Archiven deuten darauf hin, dass Giftgas eingesetzt wurde.
  • Aussagen von İhsan Sabri Çağlayangil beschreiben, dass Menschen in Höhlen „wie Ratten vergiftet“ wurden.
  • Dokumente aus türkischen Archiven weisen darauf hin, dass chemische Stoffe aus dem damaligen nationalsozialistischen Deutschland beschafft wurden.

Eine internationale Reaktion auf die Ereignisse blieb weitgehend aus.

Deportationen &Zwangsumsiedlungen

Zehntausende Menschen wurden deportiert.

  • Transport in Güter- und Viehwaggons
  • extreme Bedingungen
  • Todesfälle während des Transports

Familien wurden getrennt und unter schwierigen Bedingungen angesiedelt.

Verschleppte Kinder &verschollene Mädchen

Zehntausende Menschen wurden deportiert.

  • Viele Kinder, darunter insbesondere Mädchen, wurden während und nach den militärischen Operationen von ihren Familien getrennt.
  • Ein großer Teil dieser Kinder wurde in Haushalte von Militärangehörigen oder staatlichen Funktionsträgern gebracht. Dort wurden sie häufig als Hausangestellte eingesetzt und zur Arbeit gezwungen.
  • In zahlreichen Berichten wird von Zwangsassimilation, Ausbeutung sowie sexualisierter Gewalt und Missbrauch gesprochen.

Viele dieser Kinder kehrten nie zurück und gelten bis heute als verschollen.

Opferzahlen

Offizielle Angaben:

  • etwa 13.000 Menschen getötet
  • rund 11.800 Menschen deportiert
  • In zahlreichen Berichten wird von Zwangsassimilation, Ausbeutung sowie sexualisierter Gewalt und Missbrauch gesprochen.

Viele gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt.

Massengräber &fehlende Aufarbeitung

  • Zahlreiche Massengräber existieren bis heute.
  • Eine umfassende Untersuchung und Aufarbeitung wurde bislang nicht durchgeführt oder teilweise verhindert.
  • Viele Familien wissen, wo sich Grabstätten befinden, doch eine offizielle Anerkennung fehlt.

Genozid – Einordnung nach der UN-Konvention

Die UN-Konvention von 1948 definiert Genozid anhand folgender Kriterien:

  1. Tötung von Mitgliedern einer Gruppe
    → In Dersim wurden zehntausende unbewaffnete Menschen getötet.
  2. Verursachung schwerer körperlicher oder seelischer Schäden
    → Gewalt, Traumatisierung und langfristige Schäden sind dokumentiert.
  3. Vorsätzliche Zerstörung von Lebensbedingungen
    → Dörfer, Nahrung, Tiere und Infrastruktur wurden systematisch zerstört.
  4. Maßnahmen zur Verhinderung von Geburten
    → Gewalt gegen Frauen und Zerstörung sozialer Strukturen wirkten nachhaltig.
  5. Gewaltsame Überführung von Kindern
    → Kinder wurden verschleppt, assimiliert und von ihren Familien getrennt.

Politische Repressionen &Kontinuitäten nach 1938

Auch nach 1938 blieb die Region von staatlicher Repression geprägt:

  • Militärputsch 1960
  • Militärintervention 1971
  • Militärputsch 1980

In den 1990er Jahren, insbesondere 1994:

  • Dorfzerstörungen
  • Vertreibungen

Bis heute bestehen militärische Sperrzonen und Einschränkungen.

Offene Fragen &Forderungen

Bis heute bestehen zentrale ungeklärte Fragen:

  • tatsächliche Opferzahlen
  • Lage von Massengräbern
  • Schicksal verschleppter Kinder
  • vollständige Dokumentation der Ereignisse

Daraus ergeben sich folgende Forderungen:

  • Öffnung aller Archive
  • Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungskommission
  • umfassende historische und wissenschaftliche Aufarbeitung
  • forensische Untersuchung und Sicherung von Massengräbern
  • Klärung der Schicksale verschleppter Kinder, insbesondere Mädchen
  • gesellschaftliche und politische Anerkennung der Ereignisse
  • Aufbau von Gedenkstätten und Erinnerungsorten
  • Schutz und Förderung von Sprache, Kultur und kollektiver Erinnerung
  • Wiederherstellung historischer Ortsnamen
  • kritische Überprüfung und Umbenennung von Orten, die nach Verantwortlichen benannt sind

Bis heute bestehen militärische Sperrzonen und Einschränkungen.

Nachwirkungen bis heute

Die Ereignisse wirken bis heute nach:

  • generationenübergreifende Traumata
  • gesellschaftliches Schweigen
  • Migration
  • wirtschaftliche und soziale Benachteiligung

Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ist bis heute nicht abgeschlossen.

Gemeinsam Erinnerung bewahren

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte Dersims ist eine gemeinsame Aufgabe.
Durch Austausch, Engagement und Zusammenarbeit kann dazu beigetragen werden, Erinnerung zu bewahren, Wissen weiterzugeben und zukünftige Generationen zu sensibilisieren.

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