Tertele – die Ereignisse von Dersim 1937–1938
Die Ereignisse von 1937 und 1938 markieren einen der tiefsten Einschnitte in der Geschichte Dersims. In der Region werden sie häufig als „Tertele“ bezeichnet. Der Begriff beschreibt dabei nicht nur ein Massaker im engeren Sinne, sondern eine umfassende Zerstörung von Leben, Gemeinschaft, Familien, Sprache, Glaubenspraxis, Orten und sozialer Ordnung.

1915
Gesetz über Deportation und Ansiedlung (Sevk ve İskân / Tehcir Kanunu)
1925
Gesetz zur Aufrechterhaltung der Ordnung (Takrir-i Sükûn Kanunu)
1925
Gesetz über Tekken und Zaviyen (Schließung religiöser Einrichtungen)
1934
Ansiedlungsgesetz (İskân Kanunu)
1935/1936
Tunceli-Gesetz (Sonderverwaltung für Dersim)
Diese Gesetze ermöglichten Kontrolle, Umsiedlung und Eingriffe in soziale und kulturelle Strukturen und bildeten den rechtlichen Rahmen der späteren Ereignisse.
Dazu gehörten:
- systematische Berichte über Bevölkerung, Topografie und soziale Strukturen
- Ausbau von Infrastruktur (insbesondere Straßenbau)
- Errichtung militärischer Stationen (Karakols)
- Sammlung von Waffen in der Region
- gezielte Identifikation lokaler Führungspersonen
Ein wichtiger Hinweis auf die Vorbereitung ist das Gesetz Nr. 2425 vom 3. Mai 1934, das dem Verteidigungsministerium über einen Zeitraum von acht Jahren rund 49,5 Millionen Lira für militärische Zwecke zur Verfügung stellte. Dieses Gesetz wurde nicht regulär veröffentlicht und blieb lange Zeit unbekannt.
Weitere Maßnahmen:
- Einführung von Verteidigungssteuern (1934)
- Ausbau der Luftwaffe (ab 1935)
- Einrichtung einer Sonderverwaltung (1936)
- 1936–1938: Systematische Entwaffnung der Bevölkerung und Aufbau militärischer Kontrolle durch Karakols
- 1937: Beginn militärischer Maßnahmen und gezielte Ausschaltung lokaler Führungsstrukturen
- November 1937: Hinrichtung von Seyit Rıza und weiteren Führungspersonen
- Frühjahr 1938: Beginn groß angelegter militärischer Operationen in Dersim
- Juni 1938 – Beschlüsse Nr. 8973 und 8974: Einstufung der Operation als militärischer Einsatz von besonderer Bedeutung („sefer mahiyetinde mühim hareket“)
- Sommer 1938: Intensivphase der militärischen Operationen, systematische Durchkämmung der Region
- August 1938 – geheimer Beschluss Nr. 2/9409: Festlegung und Durchführung des militärischen Operationsplans
- Herbst 1938: Abschluss der militärischen Hauptoperationen
Die Region wurde dabei in militärische Sperr- und Kontrollzonen unterteilt. Große Teile Dersims wurden systematisch durchsucht, besetzt und unter militärische Kontrolle gebracht.
- Mustafa Kemal Atatürk – Staatspräsident
- İsmet İnönü – Ministerpräsident
- Celal Bayar – Ministerpräsident (zeitweise)
- Şükrü Kaya – Innenminister
- Fevzi Çakmak – Generalstabschef
- Abdullah Alpdoğan – Generalinspekteur und Gouverneur
Beteiligte militärische Strukturen:
- Türkische Armee
- Gendarmerie
- Luftwaffe
Im Zusammenhang mit Luftoperationen wird auch Sabiha Gökçen, Pilotin und Adoptivtochter Atatürks, genannt.
Aussagen von İhsan Sabri Çağlayangil verweisen auf den Einsatz von Giftgas.
- Seyit Rıza
- Resik Hüseyin
- Uşênê Seydi
- Aliyê Mırzê Sıli
- Hesen Ağa
- Fındık Ağa
- Hesene İvraime Qıji
Diese Hinrichtungen zielten auf die Zerschlagung der sozialen und politischen Führungsstrukturen.
Die Verfahren waren nicht rechtsstaatlich. Die Grabstätten sind bis heute unbekannt.
- in militärische Zonen eingeteilt
- systematisch durchkämmt
- von der Außenwelt isoliert
Ziel war die vollständige militärische Kontrolle der Region und die Zerschlagung ihrer sozialen Struktur.
- systematische Tötung unbewaffneter Menschen
- Zerstörung von Dörfern, Feldern und Wäldern
- Tötung von Tieren und Vernichtung von Lebensgrundlagen
Weitere Gewaltformen:
- Anketten, Erschießen und Verbrennen
- Tötungen mit Bajonetten, Steinen und Holz
- Verschleppung in abgelegene Orte und Tötung in Schluchten
- Hinabstoßen von Menschen von Felsen
- Massenerschießungen
- Plünderung
Frauen wurden Opfer von sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung. Auch Kinder, Säuglinge und schwangere Frauen wurden getötet. Niemand wurde verschont.
- Zeitzeugenberichte, Aussagen sowie Dokumente aus Archiven deuten darauf hin, dass Giftgas eingesetzt wurde.
- Aussagen von İhsan Sabri Çağlayangil beschreiben, dass Menschen in Höhlen „wie Ratten vergiftet“ wurden.
- Dokumente aus türkischen Archiven weisen darauf hin, dass chemische Stoffe aus dem damaligen nationalsozialistischen Deutschland beschafft wurden.
Eine internationale Reaktion auf die Ereignisse blieb weitgehend aus.
- Transport in Güter- und Viehwaggons
- extreme Bedingungen
- Todesfälle während des Transports
Familien wurden getrennt und unter schwierigen Bedingungen angesiedelt.
- Viele Kinder, darunter insbesondere Mädchen, wurden während und nach den militärischen Operationen von ihren Familien getrennt.
- Ein großer Teil dieser Kinder wurde in Haushalte von Militärangehörigen oder staatlichen Funktionsträgern gebracht. Dort wurden sie häufig als Hausangestellte eingesetzt und zur Arbeit gezwungen.
- In zahlreichen Berichten wird von Zwangsassimilation, Ausbeutung sowie sexualisierter Gewalt und Missbrauch gesprochen.
Viele dieser Kinder kehrten nie zurück und gelten bis heute als verschollen.
- etwa 13.000 Menschen getötet
- rund 11.800 Menschen deportiert
- In zahlreichen Berichten wird von Zwangsassimilation, Ausbeutung sowie sexualisierter Gewalt und Missbrauch gesprochen.
Viele gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt.
- Zahlreiche Massengräber existieren bis heute.
- Eine umfassende Untersuchung und Aufarbeitung wurde bislang nicht durchgeführt oder teilweise verhindert.
- Viele Familien wissen, wo sich Grabstätten befinden, doch eine offizielle Anerkennung fehlt.
- Tötung von Mitgliedern einer Gruppe
→ In Dersim wurden zehntausende unbewaffnete Menschen getötet. - Verursachung schwerer körperlicher oder seelischer Schäden
→ Gewalt, Traumatisierung und langfristige Schäden sind dokumentiert. - Vorsätzliche Zerstörung von Lebensbedingungen
→ Dörfer, Nahrung, Tiere und Infrastruktur wurden systematisch zerstört. - Maßnahmen zur Verhinderung von Geburten
→ Gewalt gegen Frauen und Zerstörung sozialer Strukturen wirkten nachhaltig. - Gewaltsame Überführung von Kindern
→ Kinder wurden verschleppt, assimiliert und von ihren Familien getrennt.
- Militärputsch 1960
- Militärintervention 1971
- Militärputsch 1980
In den 1990er Jahren, insbesondere 1994:
- Dorfzerstörungen
- Vertreibungen
Bis heute bestehen militärische Sperrzonen und Einschränkungen.
- tatsächliche Opferzahlen
- Lage von Massengräbern
- Schicksal verschleppter Kinder
- vollständige Dokumentation der Ereignisse
Daraus ergeben sich folgende Forderungen:
- Öffnung aller Archive
- Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungskommission
- umfassende historische und wissenschaftliche Aufarbeitung
- forensische Untersuchung und Sicherung von Massengräbern
- Klärung der Schicksale verschleppter Kinder, insbesondere Mädchen
- gesellschaftliche und politische Anerkennung der Ereignisse
- Aufbau von Gedenkstätten und Erinnerungsorten
- Schutz und Förderung von Sprache, Kultur und kollektiver Erinnerung
- Wiederherstellung historischer Ortsnamen
- kritische Überprüfung und Umbenennung von Orten, die nach Verantwortlichen benannt sind
Bis heute bestehen militärische Sperrzonen und Einschränkungen.
- generationenübergreifende Traumata
- gesellschaftliches Schweigen
- Migration
- wirtschaftliche und soziale Benachteiligung
Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ist bis heute nicht abgeschlossen.
