Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag (Berlin)

Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag 2

Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag zum 89. Jahrestag des Genozids von Dersim 1937–38

Am 4. Mai 2026 veranstaltete das Dersim Kultur- und Geschichtszentrum (DKG) in den Räumen des Deutschen Bundestages eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Genozids von Dersim 1937–38.

Die Veranstaltung stand im Zeichen der Erinnerung, der historischen Aufarbeitung und des Eintretens gegen das Vergessen. Zugleich sollte sie Raum für politische, wissenschaftliche, kulturelle und religiöse Perspektiven des Gedenkens schaffen.

In seiner Begrüßungsrede betonte der Vorsitzende des Dersim Kultur- und Geschichtszentrums Hüseyin Kenan Aydın, dass wir als Dersimerinnen und Dersimer jedes Jahr unserer ermordeten Vorfahren gedenken. Die Schreie der damaligen Opfer würden in jeder Gedenkveranstaltung symbolisch in die Welt getragen, verbunden mit der fortwährenden Forderung nach Gerechtigkeit.

Beim Genozid von Dersim 1937–38, der von vielen Betroffenen und Nachkommen auch als „Tertele“ bezeichnet wird, wurden zehntausende Alevitinnen und Aleviten aus Dersim getötet, vertrieben, zwangsassimiliert oder von ihren Familien getrennt. Bis heute wirken die Folgen dieses Menschheitsverbrechens in vielen Familien und Gemeinschaften fort.

Zugleich wurde die Verantwortung der damaligen politischen und militärischen Führung klar benannt. Genannt wurden unter anderem Mustafa Kemal Atatürk, İsmet İnönü, Celal Bayar, der damalige Innenminister Şükrü Kaya sowie die militärische Führung der Operationen. Sie tragen die politische Verantwortung für den Genozid von Dersim 1937–38. Der türkische Staat wurde erneut dazu aufgerufen, dieses dunkle Kapitel seiner Geschichte aufzuarbeiten und damit einen Beitrag zu innerem gesellschaftlichen Frieden zu leisten.

Die Gedenkveranstaltung wurde von zahlreichen Menschen aus verschiedenen Bundesländern besucht. Junge Menschen, Studierende, Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Berufsgruppen sowie Journalistinnen und Journalisten nahmen an der Gedenkstunde teil, um ihre Trauer sowie ihre Solidarität zum Ausdruck zu bringen.

Auch Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik ergriffen das Wort. Für die SPD sprach Frank Schwabe, für Bündnis 90/Die Grünen Max Lucks sowie für Die Linke Mirze Edis und Ferat Koç. In ihren Redebeiträgen betonten sie die Bedeutung von Erinnerungskultur, historischer Verantwortung, demokratischer Aufarbeitung und einer ehrlichen Auseinandersetzung mit staatlicher Gewaltgeschichte. Zugleich brachten sie ihre Solidarität mit den Betroffenen und Nachkommen der Opfer von Dersim 1937–38 zum Ausdruck.

Einen wichtigen Beitrag zur historischen Einordnung leistete zudem Dr. İsmail Küpeli mit seinem Vortrag über das Zeitzeugenprojekt Dersim 1937–38 an der Ruhr-Universität Bochum. Dabei stellte er insbesondere die Bedeutung von Oral-History-Arbeit, wissenschaftlicher Dokumentation und Erinnerungsarbeit im Zusammenhang mit dem Projekt vor.

Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von Mavis Güneşer und Çağlasu Aslan. Vorgetragen wurden Klagelieder über den Genozid von Dersim, deren Inhalte teilweise übersetzt und erläutert wurden und die die Erinnerungen und den Schmerz der damaligen Ereignisse thematisierten.

Das Gebet (Gülbang) sprachen Hasan Ali İçlek und Ecevit Emre als Vertreter des AABF İnanç Kurulu.

In der Abschlussrede sprach DKG-Vorstandsmitglied Deniz Karakaş auch aus einer persönlichen Perspektive über die bis heute fortwirkenden Folgen des Genozids von Dersim 1937–38. Dabei erinnerte sie an die Erfahrungen ihrer eigenen Familie, an das lange Schweigen vieler Überlebender sowie an die Bedeutung von Oral-History- und Erinnerungsarbeit.

Zugleich wurde betont, dass der Genozid von Dersim kein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit sei, sondern bis heute in Familien, Erinnerungen und gesellschaftlichen Debatten fortwirke. Erinnerung dürfe nicht nur symbolisch bleiben, sondern müsse auch Konsequenzen haben.

In diesem Zusammenhang wurde auch auf die bis heute offene Frage des möglichen Einsatzes von Giftgas in Dersim sowie auf historische Dokumente zur Rolle Deutschlands in jener Zeit hingewiesen. Die Aufarbeitung dieser Fragen sei nicht nur eine türkische, sondern auch eine internationale Verantwortung.

Dabei wurde betont:

„Wir erinnern nicht nur, um zurückzublicken. Wir erinnern, damit sich Geschichte nicht wiederholt.“

Für das kommende Jahr wurde zudem eine mögliche parlamentarische Initiative in Aussicht gestellt, die in den nächsten Monaten weiter beraten werden soll.

Aufgrund begrenzter Kapazitäten mussten leider auch zahlreiche Anmeldungen kurzfristig abgesagt werden, da die Fristen bereits ausgeschöpft waren.

Zum Abschluss wurde zudem auf die kommende Tagung „Erzähltes Dersim 1937/38: Zeugnisse des Überlebens“ am 21. und 22. Mai 2026 im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin hingewiesen.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Dersim Kultur- und Geschichtszentrums, der Ruhr-Universität Bochum sowie des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Im Mittelpunkt stehen wissenschaftliche Beiträge, Oral-History-Dokumentationen, digitale Archive, Erinnerungskultur sowie Zeugnisse von Überlebenden und ihren Nachkommen.

Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist erforderlich.

Weitere Informationen:

Dersim 1937–38 Forschungsprojekt der Ruhr-Universität Bochum
https://www.sowi.ruhr-uni-bochum.de/dersim/ueber/inhalt.html.de

Oral History Digital Platform – Zeitzeugeninterviews und Dokumentationen
https://portal.oral-history.digital/de

Dersim Kultur- und Geschichtszentrum (DKG)

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